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Trekking im Hohen Atlas in Marokko: auf den Jebel Toubkal und andere Viertausender

14. Juni 2015 by Stefanie Dehler

Marokko_4000er_DSCF4052Die meisten Bergsteiger, die auf den Toubkal (den höchsten Berg Nordafrikas, mit 4.167 m) wollen, planen 2 Tage ein – am ersten Tag wandern sie von Imlil zur Hütte, dem Les Mouflons Refuge du Toubkal. Am zweiten Tag starten sie früh zum Gipfel und gehen dann den gleichen Weg wieder nach Imlil zurück. Der einzige Grund, das so zu machen, wären die Finisher-T-Shirts, die man auf dem Rückweg kaufen kann.

Ich kann sehr gut ohne das coole T-Shirt leben und bin deshalb froh, dass unsere Guides unsere Tour anders geplant haben: wir waren insgesamt 3 Nächte auf der Hütte auf 3.207 m, haben am dritten Tag mit dem Ras Ouanoukrim und dem Timzguida noch zwei weitere Viertausender bestiegen und sind auch nicht auf direktem Weg nach Imlil abgestiegen sondern über einen wenig begangenen „Schlenker“, der uns zu weiteren Pässen, Wasserfällen, Zauberwäldern und einer Nacht in einer recht neuen, einsamen Berghütte brachte.

Nach den vier Akklimatisierungs-Wander-Tagen durch die Berberdörfer nordöstlich von Imlil (Artikel folgt) genießen wir eine Nacht im hübschen Hôtel Les Etoiles du Tobkal in Imlil, schlafen in richtigen Betten, waschen die Wandersocken einmal durch, kaufen noch ein paar Süßigkeiten ein und packen den Rucksack neu – die letzten verbliebenen Bierdosen (siehe hier), auch die Steigeisen vorsichtshalber, die Mütze, die Handschuhe.

Tag 1 im Hohen Atlas: von Imlil zur Berghütte Les Mouflons

Der Weg heute ist nicht kompliziert – es geht immer geradeaus, immer bergauf, und mehr oder weniger im Pulk mit vielen anderen Wanderern, viele Europäer aber auch viele Marrokaner. Wir wandern durch ein ausgetrocknetes Flussbett…

Von Imlil zum Toubkal

…über einen schmalen Bergpfad…

Durch den Hohen Atlas zum Jebel Toubkal

…und machen unsere Mittagspause an einer Bude mit innovativer Getränke-Kühlung.

Wie man in Marokko Getränke kühlt

Wie auch damals in Nepal ist Cola ein überraschend unersetzlicher Helfer geworden, gegen Unterzuckerung, gegen Staub, Hitze und mögliche Magen-Darm- Probleme. Und die Sache mit den Vornamen auf den Flaschen gibt es auf arabisch übrigens auch.

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Das Refuge du Toubkal Les Mouflons ist einer Berghütte in den Alpen durchaus ähnlich – wir haben ein 16er Zimmer mit Stockbetten, es gibt einen Kiosk für Postkarten, Schokoriegel und Wasser, es gibt drei Duschen (bei insgesamt 180 Betten), von denen eine sogar unfassbar herrlich warmes Wasser hat – man muss halt wissen, welche. Steckdosen haben abends Strom, Handys nur an ausgewählten Stellen Empfang.

Schlafsaal im Les Mouflons

Schlafsaal im Les Mouflons

Auf dem Balkon und der Terrasse kann man wunderbar entspannen, solange die Sonne scheint – ist sie untergegangen, wird es ungemütlich kalt und man sucht sich besser ein Plätzchen im Aufenthaltsraum und bestellt Kaffee oder Tee. Denn: im Les Mouflons herrscht Alkoholverbot. Gewöhnungsbedürftigt und irgendwie schade, aber es muss respektiert werden.

Les Mouflons Refuge du Toubkal

Die Lage der Hütte dafür: ein Traum. 1400 Hm von Imlil entfernt, an einer grünen Wiese im kargen Fels, vor teils schneebedeckten Bergen, mit grasenden Mulis und Gruppen von Bergsteigern in entspannter Vorfreude.

Les Mouflons Refuge du Toubkal

Les Mouflons Refuge du Toubkal

Tag 2 im Hohen Atlas: auf den Jebel Toubkal

Beste Wander-Bedingungen am nächsten Morgen: wolkenloser Himmel, klare Luft, wir starten um 7 Uhr zum Gipfel des Jebel Toubkal, dem höchsten Berg Nordafrikas. Und trotz Afrika kommen gleich Mütze, Handschuhe und eine dritte, wärmende Schicht zum Einsatz. Durch die Tage in den Berberdörfern sind wir gut akklimatisiert, haben gut geschlafen trotz der Höhe von 3.207 m und starten nun gemächlich, gleichmäßigen Schrittes in den Gipfeltag.

Bergsteiger auf dem Weg zum Toubkal

Die Höhe ist nicht zu unterschätzen doch der Weg selber ist nicht schwer. Es gibt keine Kletterstellen, wir brauchen weder Seil noch Steigeisen. Auf die geplante Überschreitung des Toubkal müssen wir allerdings verzichten, zu viel Schnee liegt noch in Nordkar und Nordgrat, so dass wir über das Südkar und den Tizi n’Toubkal (tizi bedeutet Pass) auf- und später wieder absteigen.

Der Pfad ist auch ohne große Markierung gut zu erkennen, führt über ein paar kleine Schneefelder, über große Felsblöcke und immer wieder steile Schotter-Serpentinen durch eine karge Steinwüste immer höher. Vorbei ist es mit den üppig grünen Oasen im Tal, nur noch Stein und Schnee, die umliegenden Berge leuchten im frühen Sonnenlicht und erinnern an Dolomitengipfel.

Bergtour im Hohen Atlas

Bergtour im Hohen Atlas

In den kurzen Verschnaufpausen tut es richtig gut, heißen, viel zu süßen Tee aus der Thermoskanne trinken zu können. Der Gipfel liegt so weit zurückgesetzt, dass erst spät der höchste Punkt mit der Metall-„Pyramide“ in unser Blickfeld kommt.

Die letzten Meter bis zum Toubkal Gipfel

Die letzten Meter bis zum Toubkal

Wehte am Pass auf 3.900 m noch ein eisiger Wind, ist es am Gipfel dann windstill. Etwas diesig zwar, trotzdem ist das Gipfelglück unbeschreiblich: der erste Gipfel über 4000 m ist erreicht*, 3,5 Stunden und 1000 Hm nach dem Abmarsch von der Hütte. Und auch wenn der Toubkal ein „leichter“ Viertausender ist, es ist einer, und am Gipfel ist man weit weg von jeglicher Zivilisation, vom Alltag, vom Kleinklein und Rumgenerve der Welt.

Gipfelglück auf 4000m auf dem Toubkal im Hohen Atlas

Gipfelglück auf 4000m auf dem Toubkal im Hohen Atlas

Sicher eine Stunde halten wir uns am Gipfel auf, machen Fotos, knabbern Datteln, Nüsse und Schokoriegel, freuen uns mit fahnenschwenkenden marrokanischen Bergsteigern, blicken schon mal hinüber zu Ras Ouanoukrim und dem Timzguida, die wir uns für den nächsten Tag vorgenommen haben.

Bergtour im Hohen Atlas

„Zufriedene Rückkehr zur Hütte“ stand in der Tourenbeschreibung des Summit Club. Und genau so ist es! 2,5 Stunden brauchen wir für den Abstieg, noch immer strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel, der Schnee ist sulzig geworden. Die Anspannung vom Morgen ist verflogen, der Rückweg zieht sich, doch an der Hütte warten das vorletzte Bier, Berge von Spagetti und zufriedenes Nichtstun bis zum Schlafengehen. Und das Privileg, nicht absteigen zu müssen sondern einfach noch in der Bergwelt des Hohen Atlas bleiben zu dürfen!

Abendstimmung im Les Mouflons am Toubkal

Abendstimmung im Les Mouflons am Toubkal

Tag 3 im Hohen Atlas: Ras Ouanoukrim und Timzguida

Und weil das alles so schön war, starten wir am nächsten Morgen gleich zur nächsten Tour. Anstatt hinter dem Refuge links zum Toubkal hochzusteigen, wandern wir noch weiter ins Tal hinein, vor einem langen komplett verschneiten Hang schnallen wir die Grödeln und leichten Steigeisen an. Es ist mäßig steil, flach genug, dass wir weder Seil noch Pickel benötigen, aber die Grödeln machen das Gehen sehr viel angenehmer. Und schließlich haben wir – bzw unsere treuen Mulis – die Dinger bis hier hoch geschleppt.

Wandern im Hohen Atlas in Marokko

Im Gegensatz zum Vortag treffen wir kaum andere Bergsteiger, dafür lacht der Toubkal fast den ganzen Tag zu uns herüber.

Jebel Toubkal im Hohen Atlas

Der Toubkal, von gegenüber gesehen

Kraxelnd auf die Viertausender in Marokko

Nach dem Schnee kommt eine Kraxelstelle, an der man schon mal die Hände zur Hilfe nehmen kann. Der Rest ist mehr oder weniger direkt über dunkelgraue Steine, auf einem schmalen, deutlich erkennbaren Pfad, Richtung Gipfel des Ras Ouanoukrim auf 4.083 m, markiert durch einen Steinhaufen. Es ist niemand zu sehen außer uns, keinerlei Geräusche außer unserem Schnaufen, Kamera-Klicken und Nüsse-Knabbern. Knapp unter 3 Stunden waren wir unterwegs.

Einsame Bergtour im Hohen Atlas in Marokko

Blick vom Ras Ouanoukrim zum Timzguida

Blick vom Gipfel des Ras Ouanoukrim zum Timzguida

Wenn man schon mal da ist… nie macht dieser Spruch mehr Sinn als am Ras. denn nach 50 Hm Abstieg und 50 Hm Aufstieg stehen wir um 11 Uhr dann auf unserem dritten marokkanischen Viertausender, dem 4.088 m hohen Timzguida.

am Timzguida Gipfel in Marokko

Schnaufend und doch so entspannt am Timzguida Gipfel auf 4.088m

Natürlich legen wir noch eine Pause ein, weit weg von den Hütten-Regeln gibt es ein Gipfel-Schnäppschen und wir halten unsere Gesichter zufrieden in die warme Sonne.

Reste des Winters in Marokko

Reste des Winters in Marokko

Knapp unter 1.000 Hm sind wir heute sehr entspannt aber doch in anspruchsvollem Gelände gewandert, Wegmarkierungen oder Schilder gibt es hier keine. Unter weiterhin strahlend blauem Himmel kehren wir zur Hütte zurück, es ist Zeit zum Mittagessen und zum Erholen.

 

Tag 4 und 5 im Hohen Atlas: über den Tizi Aguelzim zurück nach Imlil

Die Erholung hat nicht ganz funktioniert, denn am nächsten Tag bin ich alles andere als fit. Fast jeden in unserer Gruppe hat es mal erwischt, aber würde man zu Hause an einem schlechten Tag einfach mal im Bett bleiben, bleibt mir nichts anderes übrig als weiterzuwandern – 8 Stunden lang.

Zwischendurch kotze ich mich mal so richtig am Wegesrand aus, jede Pause lege ich mich nieder und mache die Augen zu und schleppe mich so irgendwie zum Refuge… Da ich auch kaum Fotos mache, ist mir von der Tour nicht viel in Erinnerung geblieben – statt der oben erwähnten Toubkal-Finisher-T-Shirts kaufen wir nur eine kühle Cola von einem Händler, der wie eine Fata Morgana am Tizi Aguelzim auf 3.547 m auftaucht.

Colahändler in Marokko

Die schönste Fata Morgana der Welt auf 3.547 m.

Hinab geht es in 88 Serpentinen, was aber niemand mitgezählt hat, wir sind über dem Nebel im Tal, noch immer in der Sonne.

Nebel im Tal in Marokko

88 staubige Serpentinen

88 staubige Serpentinen

Die Schönheit eines Canyons bekomme ich leider kaum mit, als wir 2 Stunden später als geplant unsere Lodge erreichen, verschwinde ich nach einem Glas Tee ich im Bett und habe nicht mal Energie zum Zähne putzen… (die ist durch 500 Hm bergauf und 1.400 Hm bergab einfach aufgebraucht- der Körper schafft viel, wenn er muss, auch wenn man – Zitat unseres Bergführers – dabei „schnauft wie ein altes Muli“).

Refuge Tamsoult auf 2.250 m

Refuge Tamsoult auf 2.250 m

Am nächsten Tag geht es besser, was man daran sieht, dass die Kamera wieder zum Einsatz kommt. Die Lodge, das Refuge Tamsoult, ist neu, einsam und gemütlich. Auf dem Weg zurück nach Imlil spazieren wir gemütlich durch Nebel-Wälder…

Nebel-Wald in Marokko

…und queren herrlich blühende Berghänge…

Blühendes Marokko

… bis wir mittags wieder Imlil erreichen, wo wir uns bis zur Abfahrt nach Marrakesch wilde Preisverhandlungen mit Teppichhändlern, Keramikverkäufern und mysteriösen Zwischenhändlern liefern. Am Ende scheinen alle ein gutes Geschäft gemacht zu haben.

 

Schließlich noch zur Info: auch im Herbst kann man diese Viertausender-Tour machen, dann ist der Schnee weggetaut und für weniger Geübte wird die Bergtour dann einfacher. Es sollte sich aber jeder bewusst sein, dass es in alpines Gelände über 4.000 m geht und das dies nicht mit einem Spaziergang im Mittelgebirge vergleichbar ist. Hier findet ihr die Termine der Herbsttouren des Summit Club. Die Besteigung des Toubkal ist durchaus ohne Reiseveranstalter machbar, der Weg zum Gipfel ist für erfahrene Wanderer kein Problem. Für die ganze Runde lohnt es sich, Guides dabei zu haben, die sich auskennen.

Alle Höhenangaben stammen von dieser Postkarte, die ich in der Hütte gekauft habe.

Toubkal Panoramakarte

*in Nepal war ich insgesamt höher, aber der Thorung La mit seinen 5.417 m ist ein Pass und kein Berggipfel.

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Weitere Marokko-Berichte im Gipfelglück Blog:

Trekking im Berberland – 4 Tage rund um Imlil im Hohen Atlas in Marokko

Viertausender-Trekking in Marokko: Jebel Toubkal, Ras Ouanoukrim und Timzguida

Hoher Atlas in Marokko – die Foto Love Story

Film: Skifahren am Toubkal in Marokko

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Stefanie Dehler

Herausgeberin des Gipfelglück Blogs - einer Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Bier, Bücher und Instagram.
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4 Comments »

  1. Pitt sagt:

    Der Bericht und die Bilder waren für mich sehr interessant und informativ. Bei Touren in Marokko denkt man ja nicht unbedingt an Schnee. Aber da gibt es eben nicht nur die Sahara sondern auch ein mächtiges Gebirge.
    Vile Grüße
    Pitt

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