Gipfelbuch: Streicher mit Schneeschuhen

Der erste Schnee des Winters kann herrlich glitzern und pudern, zu Schneeengeln einladen und mit endloser Fernsicht beeindrucken. Der erste Schnee kann im trüben Wetter aber auch in dumpfem Grau auflaufen, im Nebel einengend wirken und auch „eigentlich“ motivierte Berggeher Richtung Sofa schielen lassen.

Als Bergbewohner hat man den Vorteil, dass man nicht so lang bis zum Start einer Nebel-Bergtour unterwegs ist, das macht die Entscheidung einfacher, man kann sich zum Aufbruch aufraffen, weil man theoretisch ja schnell wieder umkehren kann, wenn es gar zu grausig ist.

Rausgehen!
Rausgehen! Foto: @bergundball

Und manchmal, wenn man tatsächlich die Motivation zum Rausgehen findet, im ersten Nebel-Schnee-Mix des Winters, dann wird man dafür auch belohnt. Indem man plötzlich über den Wolken und dem Nebel steht, wenn auch nur für einige Minuten, sich privilegiert fühlt, “die da unten” im Tal bedauert und sich nach dem Gipfeltee gestärkt wieder in den Nebel aufmacht.

Ein Berg für eine solche Tour ist der Streicher, ein 1.594m hoher Nachbar des Rauschbergs im Chiemgau. Mit Schneeschuhen gut erreichbar auch ohne große Schneeunterlage, kaum lawinengefährdet und nicht allzu überlaufen.

 

Start der Tour ist zwischen Inzell und Ruhpolding, oberhalb des Froschsees am Parkplatz Aschenau. Der breite Forstweg passt zur monotonen Stimmung im Nebel, man kann sich gut wieder an den Schnee gewöhnen, bald auch die Schneeschuhe anziehen und damit offiziell den Winter einläuten. Der Nebel erdrückt jedes Geläute, das Knirschen der Schneeschuhe ist das einzige Geräusch zwischen Bäumen, Eiszapfen und Felsen.

Chiemgauer Wald im ersten Schnee
Chiemgauer Wald im ersten Schnee

Wirklich Spaß macht es nicht im Nebel, und doch sind wir froh, dass wir uns aufgerafft haben. Erfreuen uns an den verschneiten Hütten,

Hütten im Vorbeigehen
Hütten im Vorbeigehen

und wahrlich spektakulären schattenhaften Felsblicken auf den Rauschberg.

Doch noch ein Blick auf den Rauschberg.
Doch noch ein Blick auf den Rauschberg.

Auf die berühmte Rossgasse bewegen wir uns zu, eine angst respekteinflößende Skiabfahrt. Hier verläuft der Aufstiegsweg unterhalb von Felswänden, über denen sich schräge Hänge befinden. Wenn sich dort Lawinen auslösen, fallen sie genau auf unseren Weg. Weshalb man vor dieser Tour unbedingt den Lawinenbericht prüfen und bei Gefährdung lieber woanders hingehen sollte. Tipp: den immer aktuellen Lagebericht des Bayrischen Lawinen-Warndienstes findet ihr ganz unten auf dieser Seite, unter jedem Artikel!

Der Nebel ist heller geworden, fast so etwas wie aufklarend.

Heller Nebel auf dem Weg zum Streicher.
Heller Nebel auf dem Weg zum Streicher.

Schließlich erreichen wir einige Häuser in freiem Gelände, tiefverschneit, nicht mehr weit entfernt von der Kienbergalm (ca 1.480m).

Kienbergalm

Diensthütte nahe der Kienbergalm

Vorbei ist es mit dem breiten Weg, der Schnee ist nun auch so tief, dass Wanderer ohne Schneeschuhe umdrehen. Wir gehen den einigermaßen gut gespurten Weg den langgezogenen, flachen Rücken zum Streicher-Gipfelkreuz hinauf – und sind am Gipfel des Streicher voller Glück: aus dicken hellgrauen Nebelschichten über Chiemgau und Berchtesgadener Land schauen imposante dunkelgraue Felsformationen hervor. Und wir mittendrin.

Sontagshorn und Reifelberge
Sonntagshorn und Reifelberge
Der gerade zurückgelegte Weg über den Rücken zum Streicher.
Zenokopf.

Beeilung ist angesagt – nasses Shirt aus-, warme Daunenjacke anziehen, einen Schluck Tee und dann schnell schnell fotografieren, bevor der Nebel nach oben zieht und die Nachbargipfel verschluckt.

Der Rauschberg verschwindet im Nebel.
Der Rauschberg verschwindet im Nebel.
Endspurt zum Streicher
Endspurt zum Streicher

Für diesen Moment hat es sich gelohnt am Morgen irgendwo unten in der Suppe loszustapfen. In die Suppe, in die man gleich zurück muss. Am Ende, auch jetzt 2 Monate später, bleiben nur diese gipfelglücklichen Momente vom Streicher in der Erinnerung. Und die Erkenntnis, dass man sich aufraffen muss, jeder ist seines Glückes Schmied, und oft wird aufraffen belohnt.
(Den Abstieg auf dem gleich Weg löscht man am besten sofort aus seinen Erinnerungen – zurück im Nebel will man nur noch nach Hause, vor den Kachelofen, in die Badewanne, mit Kaffee und Kuchen aufs Sofa. Aber es hilft ja nix, im Nebel bleiben will man ja auch nicht…)

Winterwandern vom Feinsten. Im Nachhinein.
Winterwandern vom Feinsten. Im Nachhinein (Richtung Rossgasse)

 

Datum der Tour: 13. November 2016

Alle Höhenangaben aus der Kompass Wanderkarte 14 Berchtesgadener Land Chiemgauer Alpen

Kienbergalmen
Endspurt zum Streicher im Gebiet der Kienbergalmen

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Stefanie Dehler
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Stefanie Dehler

Herausgeberin des Gipfelglück Blogs - einer Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Bier, Bücher und Instagram.
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