Wenn wir heute in den Alpen eine Berghütte betreten, scheint uns das alles selbstverständlich: etwas zu essen, zu trinken, Rabatt mit dem Alpenvereins-Ausweis, der Wetterbericht vom Hüttenwirt, ein kuscheliger Platz zum Schlafen. Am Ende des Kaunertals in den Ötztaler Alpen in Tirol, auf 1.928 m, befindet sich mit dem Gepatschhaus einer der Orte, an dem das alles einst begann mit dem “Zuhause in den Bergen” für Wanderer, Bergsteiger, Skitourengeher usw.
Das Gepatschhaus und die Rauhekopfhütte am Kaunertaler Gletscher sind Beispiele für die Bedeutung der Alpenvereinshütten für die Entwicklung der Alpen in den letzten Jahrhunderten, aber auch für die Herausforderungen der Gegenwart, mit denen sich insbesondere der Alpenverein beschäftigt. Und, wie sich bei einem Kurzbesuch im Kaunertal im Juli wieder einmal zeigte, sind Gletscher, Hütten und Hochtouren besonders wichtige Gipfelglück Themen.
Meine Tour ins Kaunertal erfolgte auf Einladung des DAV Summit Clubs und des Deutschen Alpenvereins. Zwei Tage erhielt eine größere Presse-Gruppe geballte Informationen zu allen möglichen Themen, mit denen sich der Alpenverein beschäftigt und hatte für alles kompetente Ansprechpartner dabei, was für Blogger und Journalisten ideal ist. Für diesen Artikel wie für kommende Pläne und Ideen.
Natürlich haben wir auch eine tolle Bergtour unternommen (siehe unten), aber es gab Vorträge zu Themen wie Denkmalschutz, Klimawandel, neue Aufgaben der Sektionen, neue Ausstellungen im Alpinen Museum in München, Tourenplanung mit dem DAV Tourenportal, Hüttenbetrieb, Ausbildungskurse und Bergreisen mit dem Summit Club uvm. Das Kaunertal mit Gepatschhaus, Rauhekopfhütte, Gepatschferner und Weißseeferner war dafür ein perfekter Ort.
Das Gepatschhaus im Kaunertal damals
Zunächst einmal die Geschichte mit dem Schweinestall. Prof. Theodor Petersen aus Frankfurt war ein begeisterter Bergsteiger. In den 1870er Jahren durchstreifte er die Ötztaler Alpen, insbesondere die Berge des Pitz- und Kaunertals, wo ihm einige Erstbesteigungen gelangen. Eines Abends, nach einer seiner Erstbesteigungen, wurde es spät, Petersen musste auf einer Alm über einem Schweinestall übernachten.
Während er schlaflos auf das Morgengrauen wartete, reift eine Idee in ihm, die er nach seiner Rückkehr nach Frankfurt in die Tat umsetzte: Hütten in den Alpen zu errichten, in denen Bergsteiger ein Zuhause in den Bergen finden. 1873 war die AV Sektion Frankfurt die erste deutsche Sektion, die in Österreich eine eigene Hütte eröffnete, das Gepatschhaus. In den folgenden Jahren begann unter den Alpenvereins-Sektionen ein wahres Wettrennen um die besten Hütten-Bau-Plätze in den Alpen, Johann Stüdl war rund um den Großglockner ähnlich aktiv wie Petersen in den Ötztaler Alpen. Das Gepatschhaus wurde mehrfach erweitert und renoviert, seit 2012 steht es unter Denkmalschutz.
Eine Kapelle wurde übrigens auch gebaut hier oben, doch warum? Die Bergführer einst waren sehr gläubige Menschen und weigerten sich ganz einfach, Gäste an Sonn- und Feiertagen ohne Gottes Segen auf Gletscher und Berge zu führen. Also wurde die Kapelle Maria Schnee gebaut, ein Pfarrer kam, hielt für die Bergführer am Gepatschhaus eine Messe und dann ging es für alle auf den Berg!
Das Gepatschhaus heute
Das Gepatschhaus gehört noch immer der Sektion Frankfurt, heute steht es wie gesagt unter Denkmalschutz. Einerseits schön, kann man sich doch gut in die Zeit Petersens zurückversetzen und weiß die ursprünglichen Gründe des Baus – Dach überm Kopf, Schnitzel und Bier im Magen – zu schätzen. Doch ist gerade der Denkmalschutz oft ein heikles Thema für die Sektionen, den DAV und die Hüttenwirte. “Gar nichts verändern dürfen” blockiert oder erschwert oft nötige Veränderungen in Sachen Brandschutz, Umweltschutz, Hygiene, dürfen Fenster isoliert, Duschen eingebaut, die Küche modernisiert werden? Wichtige Fragen, die der Alpenverein zu lösen versucht.
Die Hütte hat 46 Schlafplätze in Zimmern und 60 in Lagern, es gibt Duschen, Trockenraum und Schuhtrockner. Die meisten Touren in der Umgebung sind hochalpin, führen auf 3.000er Gipfel und über Gletscher. Gleich ums Eck liegt der Gepatschstausee.
Das Gepatschhaus ist über die Mautstraße (Kaunertaler Gletscherpanoramastraße) mit Linienbus und Auto erreichbar, hat mindestens drei Monate im Jahr geöffnet (Sommer, Ostern und je nach Schnee im Winter). Die große Terrasse lockt viele Tagesgäste, Stube und Zimmer sind gemütlich und „geruchsneutral“ – eben lieber Schweinsbraten als Schweinestall.
Über den Gepatschferner zur Rauhekopfhütte
Etwa drei Stunden (mit ca. 900 Hm) dauert die Bergtour vom Gepatschhaus über den Gepatschferner zur Rauhekopfhütte (reine Gehzeit, ohne Pause für Steigeisen an- und ausziehen…). Dies kann man als leichte Hochtour sehen – man muss den Gletscher queren, eine gute Stunde lang, er ist aber nicht allzu schwer. Nicht zu schwer Stand Juli 2016, vor jeder Tour muss man sich selbstverständlich über die aktuellen Bedingungen informieren.
Zum Beispiel war zum Zeitpunkt unserer Tour der Gletscher komplett aper, das heißt schneefrei, wodurch man alle Spalten gesehen hat und mit großen Schritten einfach über sie hinweg kam. Aus diesem Grund waren wir nicht angeseilt auf dem Gletscher unterwegs, trugen aber Steigeisen. Dies mag sich schnell ändern und es gehört zur Hochtouren-Planung dazu, sich über die aktuellen Bedingungen zu informieren. Man sollte für die Tour entweder Erfahrung mit Steigeisen, Seil und Spaltenbergung haben, oder sich einem kundigen Bergführer anvertrauen. Für Hochtouren-Anfänger eine ideale Tour, um sich mit dem Gehen auf Eis, in felsigem Gelände und größeren Höhen (auf über 2.700 m) vertraut zu machen, und dabei auch ein tolles Tourenziel erreichen zu können.
Wir hatten das Glück die Tour mit erfahrenen, ortskundigen Bergführern des DAV Summit Club zu machen, am Vortag am Weißseeferner eine Einführung bzw. Auffrischung der wichtigsten Gletscher-Fähigkeiten zu bekommen, und noch dazu perfekte Touren- Bedingungen genießen zu dürfen.
Im Morgengrauen starten wir an der Terrasse des Gepatschhauses. Es geht gemütlich durch die Wiese Richtung Straße und dann am Hang auf der anderen Seite sehr gemächlich hinauf (Wanderweg 902), vorbei an Latschen, Gebüsch, Wiesen, Rehen, Gämsen, pfeifenden Murmeltieren und Schafen mit bimmelnden Glöckchen um den Hals.
Unser schmaler Pfad führt uns höher, wir erblicken den Gepatschferner und auf der gegenüberliegenden Höhe, bereits im Sonnenlicht, unser Ziel die Rauhekopfhütte und die markanten Endmoränen, an denen man den Verlauf des Gletschers um das Jahr 1850 herum erkennt.
Nach etwa 2 Stunden geht es ein Stück abwärts und wir stehen vor gewaltigen Eismassen, bläulich schimmernd, teils auch schmutziggrau, respekteinflößend, wunderschön.
Ich mag Gletscher sehr. Immer mehr!
Wir ziehen die Steigeisen an und die Hüftgurte, nehmen die Pickel in die Hand, und das reicht heute schon an Ausrüstung. Die Steinschlaggefahr ist relativ niedrig, so dass wir keinen Helm brauchen, anseilen müssen wir nicht, weil der Gletscher wie gesagt aper ist – alle Gletscherspalten sind deutlich zu sehen und keiner wird unverhofft hinunter fallen. Warum dann der Gurt – man weiß ja nie was kommt. Sollte irgendwas sein, vielleicht Nebel aufkommen oder eine heikle Stelle, ist man schnell angeseilt, wenn man den Gurt schon trägt. Andersherum verliert man Zeit, wenn man ihn erst aus dem Rucksack kramen und ihn auch noch über die Steigeisen ziehen müsste.
Wieder einmal bin ich davon fasziniert, welch guten Halt man mit Steigeisen im Eis hat, wie entspannt man damit einen Gletscher hinauf”spazieren” kann. Der Gepatschferner ist nicht so steil, dass man die Frontalzacken benutzen müsste, viel mehr achtet man darauf, dass der komplette Fuß flach auf dem Eis steht, auch wenn man ihn dafür etwas seltsam biegen muss. Nicht verkanten, wie man es mit einem Wanderschuh machen würde, sondern komplett alle Zacken ins Eis.
Und so geht es breitbeinig, Schritt für Schritt, den Gletscher hinauf, anstrengend ist es vor allem, durch die Höhe – weit über 2.000m Höhe merkt man schon. Richtig hell ist es inzwischen, der Himmel sehr klar und blau, und als wir eine Stunde später am anderen “Ufer” des Gletschers ankommen, die Steigeisen ausziehen und den Pickel am Rucksack festzurren, sind es nur noch ein paar Schritte übers Geröll, bis wir endlich in der Sonne gehen. Lichtschutzfaktor 50, Gletscherbrille und Kopfbedeckung sind nun angesagt, dazu gesellt sich ein breites Grinsen in den Gesichtern – einfach herrlich sind das Wetter, der anspruchsvolle, tolle Wanderweg und die Aussicht gleich auf der Hütte zu sein.
Durch viel Geröll auf einem mühseligen, steinigen Pfad geht es nun wieder steiler nach oben, bald sieht man eine Fahne wehen und hört entzückte Ausrufe der ersten aus unserer Gruppe. Nach etwa 3 3/4 Stunden haben wir die Rauhekopfhütte auf 2.731 m erreicht. „Normal“ würde man schneller sein, man muss hier beachten, dass wir eine große Gruppe waren, viele Hochtouren-Neulinge dabei hatten (dann dauert das Steigeisen anziehen schon viel länger) und dazu noch Fernseh-Kameras, Radio-Mikrofone und eine unüberschaubare Anzahl Fotoapparate, Handys etc im Dauereinsatz. Unsere Gehzeit ist deswegen alles andere als repräsentativ!
Ein Kleinod: die Rauhekopfhütte
Die Rauhekopfhütte ist eine ganz besondere unter den Alpenvereinshütten. Da ist zum einen die Lage: sie thront weit oben, auf 2.731 Metern, von den 3000ern der Ötztaler Alpen umgeben. Die Aussicht geht hinunter auf den Gepatschferner, die meisten Besucher sieht man oben schon lange, bevor sie die Hütte erreichen.
Sehr besonders auch die Bewirtschaftung: es gibt keine festen Hüttenwirte sondern der Dienst wird im 2-Wochen-Rhythmus an Alpenvereinsmitglieder vergeben, die ehrenamtlich 14 Tage auf der Hütte verbringen und komplett für alles verantwortlich sind. Die Bewerbungen sind zahlreich (möglichst 2er-Teams mit Erfahrung in der Küche und mit der Technik), für die Saison 2017 sind die Plätze schon größtenteils vergeben!
Gemanagt wird das ganze von Hüttenwart Stefan Ernst aus Königstein im Taunus, er kümmert sich um den Dienstplan, die Hubschrauberlieferung am Anfang der Saison und das Aufräumen am Ende, und war bei unserem Besuch auch wieder einmal persönlich oben, zusammen mit dem aktuellen Hütten-Team. Und wenn man in die strahlenden Gesichter blickt, glaubt man ihnen, dass sie gerne ihren Urlaub mit Hüttenwirte-Dasein verbringen!
Natürlich hat das Wetter auch eine Rolle gespielt, dass unser Besuch auf der Rauhekopfhütte so herrlich war und lange in Erinnerung bleiben wird. Eine kleine Terrasse hoch über dem Gepatschferner, sonnig und ruhig und einsam, es gab Skiwasser und frischen Walnuss-Kuchen. Alles Nervige dieser Welt war weit weg, weit unten.
Auch die Rauhekopfhütte gehört zur AV-Sektion Frankfurt, sie wurde 1888 erbaut, immer wieder renoviert, hat 21 Schlafplätze im Lager aber keine Waschräume – nur die Außendusche vor der Hütte. Alle Zustiege sind hochalpin und nur für erfahrene Bergsteiger geeignet. Was die Atmosphäre auf der Hütten natürlich ebenfalls besonders macht!
Beim Blick von der Terrasse auf den Gletscher, ein Skiwasser in der Hand, denkt man wieder an den alten Petersen zurück, seine Nacht im Schweinestall und seine verrückte Idee ein paar Hütten zu bauen. Herrlich verrückt. Der Anblick zurückgehender Gletscher mag traurig und beängstigend sein, aber bei einem Besuch im Kaunertal kann man gleichzeitig auch einfach genießen, dass man selber da ist, dass die Gletscher noch da sind, und dass es Menschen gibt, die den Holzofen auf 2.700 Metern anfeuern um anderen einen Kuchen zu backen.
Tourenplanung
Das Tourenportal des Alpenvereins alpenvereinaktiv.com erleichtert am Computer zuhause sowie als App unterwegs die Planung und Durchführung von Bergtouren. Es gibt bestehende Touren, außerdem kann man eigene erstellen. Die wichtigsten Informationen für unterwegs kann man sich handlich ausdrucken, aufs Handy laden, und natürlich verlinken und in ein Blog einbetten.
Die Infos zur Hütte:
Und die beschriebene Tour vom Gepatschhaus zur Rauhekopfhütte:
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Alle Höhen- und Jahresangaben aus Broschüren und Websites des Alpenvereins
Wie gesagt, zum Ausflug ins Kaunertal hat mich der Deutsche Alpenverein eingeladen, vielen Dank.
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Herausgeberin des Gipfelglück Blogs – seit 2011 eine Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Kaffee, Bücher, Yoga und Weit-Weg-Unterwegs-Sein.
4 Kommentare
Hallo Stefanie,
es freut mich, dass Du alpenvereinaktiv.com erwähnt und verwendet hast. Mein Kollege Georg Rothwangl war ja vor Ort, ich hatte leider einen wichtigen Termin im Büro ;-(
Wenn Du Info oder Material zum Portal brauchst, helfe ich gerne weiter!
Herzliche Grüße und gute Berg-Zeit
Jochen
Jochen Brune
alpenvereinaktiv.com
Deutscher Alpenverein
Ja, Georg und ich hatten uns auf dem Gletscher übers Einbinden und Verlinken der Touren unterhalten – und das funktioniert super!
Viele Grüße, und dir auch eine gute Zeit.
Liebe Stefanie,
durch Zufall sind wir auf deinen super tollen Bericht gestoßen, der sich sehr schön lesen lässt und für Gänsehaut sorgte. Du hast den Bericht mit viel Leidenschaft und Herzlichkeit geschrieben, ebenso betreiben wir die Rauhekopfhütte :-) Auch ganz tolle Bilder sind dabei.
Es freut uns sehr, dass es dir bei uns auf der Hütte so gut gefallen hat und würden uns über einen weiteren Besuch von dir sehr freuen.
Vielen herzlichen Dank und liebe Grüße
Eva, Luis, Stefan, Stefan und Sabine
Ui, das freut mich zu hören, danke :-)
Beim nächsten Mal werde ich dann auch bei euch übernachten, das ist bestimmt auch ein tolles Erlebnis. Viele Grüße!