Der Everest & ich

Einen Artikel über den Everest wollte ich schon seit Ewigkeiten schreiben, spätestens seit meiner Rückkehr aus Nepal, und welcher Tag ist besser dafür geeignet als der 29. Mai, der 60. Jahrestag der Erstbesteigung durch Sir Ed Hillary und Tenzing Norgay.

Die Frühlings-Everest Saison ist vorbei mit viel Gipfelglück, aber auch mit vielen Toten, Horrorbildern von Menschenmassen, die Schlägerei von Stueck, Moro und den Sherpas, die neueste Meldung von der geplanten Leiter am Hillarystep… So viel Negatives um diesen tollen Berg, all das Faszinierende, das Zauberhafte ist dadurch – meiner Meinung nach – sehr in den Hintergrund gerückt, und ich bin sehr froh, dass es für mich zwei Dinge gab, die das Positive für mich in den Vordergrund gerückt haben.

No 1 die Berichterstattung zu den Erinnerungen vor 60 Jahren und No 2 die Erinnerung in meinem Kopf vom Oktober 2012, als ich den Everest mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Beim Gedanken an den „Mountain Flight“ ist sofort das breite Grinsen in meinem Kopf wieder da und die Schlangen am Berg völlig aus meinem Hirn verschwunden.

Der Himalaya Rundflug

Für einen sogenannten „Mountain Flight“ gibt es einige kleine nepalesische Fluggesellschaften, und es gibt viel Panikmache um ihre Gefährlichkeite. Kurz gesagt ist Fahrrad fahren in München auch gefährlich, und so ein Rundflug ist es das Risiko wert. Irgendwann ist es mit jedem vorbei…

Mountain Flight

Früh aufstehen muss man für so einen Rundflug, es geht um halb 6 morgens mit dem Taxi zum Inlands-Terminal am Flughafen in Kathmandu. Dort ein bisschen am Schalter anstehen für die Bordkarte, Sicherheitskontrolle, Nervosität – alle sind hier für einen Rundflug, nur 1 Maschine fliegt von allen anderen beneidet nach Lukla.

Himalaya Rundflug

6.15 Uhr Einsteigen in ein winziges Flugzeug, 8 Plätze rechts, 8 Plätze links, jeder hat einen Fensterplatz. Die Stewardess verteilt Bonbons und ein Gipfelpanorama, sagt irgendwas von „elektrische Geräte ausschalten“ – keine Chance, hier laufen 30 Kameras, Telefone und was weiß ich für Geräte nonstop, hier wird nichts ausgeschaltet! Erst bei der Landung…

Himalaya Panorama

6.30 Uhr Wir heben ab, es ist hell inzwischen. Smog und Staub über Kathmandu, aber schon bald sieht man links Berge. Hohe Berge! Ich sitze rechts und sehe nur Ebene und Staub und versuche links einen Blick durch ein anderes Fenster zu erhaschen. Die Passagiere kleben davor, unbarmherzig für die Rechtssitzer. Wir fliegen nur geradeaus, immer am Himalaya entlang, Richtung Osten.

Und dann darf jeder einmal nach vorne ins Cockpit!

Dort sitzen zwei junge grinsende Piloten und sie haben eine riesige, sauber geputzte Fensterscheibe vor sich. Und bei dem Anblick bleibt einem das Herz stehen und man möchte lachen und weinen und sich bei den Piloten auf den Schoß setzen. Die Kamera hört nicht auf zu knipsen. Dann sagt der eine: “ Siehst du die zwei Dreiecke da? Das linke ist der Everest.“ Es ist so unfassbar schön!

Everest und Lhotse

Dann muss ich zurück auf meinen Platz, wir sind inzwischen auch am Ende des Himalya angekommen, auf Höhe des Kanchenzönga. Nun machen die Piloten nichts anderes als einen U-Turn und fliegen geradeaus, nach Westen, nach Kathmandu zurück. Und jetzt haben die Rechtssitzer den Bergblick und kleben vor dem Fenster und knipsen und knipsen und gucken und schlucken. Hier sind natürlich die Fenster klein und verkratzt und schmutzig. Aber egal. Die Ama Dablam fliegt vorbei, Cho Oyu, Lhotse, Nuptse, Makalu, es ist unglaublich.

Keine Wolke, blauer Himmel, kein Smog. Nur die höchsten Berge der Welt.

Himalaya Rundflug

7.30 Uhr Wir landen in Kathmandu. Keiner will aussteigen. Alle wollen noch mal!

8.00 Uhr Ich komme mit dem größten Grinsen der Welt ins Hotel, wo andere Leute beim Frühstück sitzen.

Ich habe den Everest gesehen!

Himalaya

1 Stunde Flug kostet etwa 160 US Dollar. Das ist es wert! Das war wirklich eins der Highlights in meinem Leben. Und ich breche in großes Grinsen aus, wenn ich an diese Stunde zurück denke!

 

Ed Hillary und Neuseeland

Was mich mit der Story noch verbindet ist Neuseeland. Schon zu Lebzeiten war Sir Ed auf dem 5 Dollar Schein in Neuseeland und ich war dort, als er starb 2007. Das war als würden bei uns Franz Beckenbauer und Michael Schumacher und Udo Jürgens gleichzeitig sterben und Österreich uns dazu noch im Fußball schlagen würde, ach noch viel mehr. Das ganze Land war tagelang in der Krise und keiner wollte seine 5-Dollar-Scheine ausgeben…

Ed Hillary in Mount Cook

Sehr sehr begeistert war ich deswegen heute vom Twitter-Projekt @Everest1953 – wie wäre es wohl gewesen, wenn Ed und Tenzing damals Twitter gehabt hätten? Hier gibt es ein Storify mit einem Teil ihrer Tweets, ich kam heute kaum von Twitter weg, weil ich keinen Tweet verpassen wollte, so toll war das! Hier nur zwei Beispiele:

Twitter am Everest

Ed Hillary Twitter

Neben dem Twitter Projekt gab es Everest 60, es gibt Glacierworks, von dem ich noch lange nicht alles angeschaut habe, es gibt die Everest Webcam, es gibt das Basecamp bei Google Street View.

 

Die heutige Situation am Everest und in Nepal

Kurz zum Thema Menschenmassen und Leiter: ich glaube nicht, dass sich am Everst etwas in der nächsten Zeit ändert, und jeder, der dort hingeht, muss selbst wissen, was er tut. Nepal ist ein unfassbar armes Land, die brauchen dringend das Geld, das durch die Gipfel-Lizenzen reinkommt, was nur ein paar Wochen im Jahr möglich ist! Es gibt keine richtige Regierung, es ist alles korrupt und die Sorge der engagierten Politiker sollte der Verbesserung der Infrastruktur, der Stromversorgung, der Ausbildung der Kinder sein und nicht ein paar Westler, die aus eigener Dummheit in den Tod wandern. Eine Regulierung in Form von Erfahrungsnachweisen, Größe der Gruppen oder Anzahl der Leute überhaupt müsste also von den Expeditionsfirmen selber kommen – und die wollen Geld verdienen. Warum sollten sie sich selber das Geschäft kaputt machen?

Ich würde wahnsinnig gerne mal auf dem Everest stehen, oh ja, aber nicht unter diesen Bedingungen, deswegen suche ich mir lieber einen anderen 8000er ;-) Wer das machen will, soll es doch machen! Wenn eine Leiter hilft, lasst sie die Leiter bauen! Es wird keiner gezwungen dort hinzugehen, die Welt hat so viele Berge! Und Hügel! Und Gipfelglück. – Das ist nur meine kleine Meinung vom bequemen Münchner Sofa aus, mit einem winzigen Detail:

Ich habe den Everest gesehen!

 

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Hier gehts zur Foto-Love-Story Nepal und meinen Berichten von der Annapurna Tour 2012

Stefanie Dehler
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Stefanie Dehler

Herausgeberin des Gipfelglück Blogs - einer Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Bier, Bücher und Instagram.
Stefanie Dehler
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12 Comments

  1. Hi,
    Das muss ein Wahnsinnsgefühl sein, dem höchsten Punkt der Erde so nahe zu sein :) Ich hätte bei so einem Flug glaube ich auch sofort mitgemacht. Was mich aber interessieren würde, wie nahe kommt man denn da ungefähr an den Everest ran?

    Grüße,
    Jonas

  2. Ein schöner Flug-Reisebericht auf deiner Seite. Ganz nach meinem Geschmack. Allerdings habe ich bisher wenig gutes über diese Rundflüge gehört. Ein Freund von mir erzählte mir auch von miserabler Sicht aus dem Fenster und eine viel zu große Entfernung am Umkehrpunkt.
    Machen würde es wahrscheinlich trotzdem. Wobei der Flug nach Lukla bei mir ganz oben auf der Liste steht.

    LG phil

  3. Ich hatte auch so einen Flug,damals 2008 und eben so das Glück ein wahnsinniges Panorama zu erleben. Ein Jahr später stand ich dann davor, am Basis lager. Was zu den Besteigungen zu sagen ist…..ich sehe es natürlich aus der Sicht der Nepalesen die sich als Sherpa, Träger und so weiter was verdienen können. Ich kenne 2 Familien die jeweils einen Menschen verloren haben, während sie geholfen hatten das gut zahlende Gäste hoch wollten. trotzdem die Familien würden immer wieder die Chance nutzen. Sie können dabei ein Jahresgehalt eines guten Einkommens für Nepal erzielen. Jetzt bevor ich flog, sagte Bj mir, es wären über etwa 600 Permits ausgestellt wurden. Während der zeit die ich noch dort war fanden 3 Menschen den Tod. Alle Nepalis. Und ich sage Dir, sie werden in keiner westlichen Statistik erscheinen.Aber was für eine Alternative haben sie? Für 150 Dollar im Monat in den Emiraten bei einem 10 Stunden Tag zu arbeiten? Fern der Heimat, fern der Familie?…lg

    • Stefanie

      Freut mich, dass du geantwortet hast, du siehst alles noch mal aus einer anderen Perspektive.

      Ja, der Everest ist ein Arbeitsplatz für viele Leute, die dann eben nicht nach Dubai auf eine Baustelle müssen. Und der Arbeitsplatz wird durch die erwähnte Leiter ein bisschen sicherer… LG.

  4. Hallo Stefanie,
    sehr schön geschrieben, sehr lebendig und allein die Anspannung, wenn Du an Deinen Rundflug denkst, die lässt nicht glasklar spüren. Das wirst Du wirklich nie vergessen.

    Schön auch Deine Meinung zum jüngsten Geschehen am Everest. Das Tal der Stille (Western Cwm) hat mich einmal sehr fasziniert, ich denke nur, dass das ursprüngliche Erlebnis dieses Tals in der heutigen Zeit nicht mehr möglich ist. U.a. deswegen werde ich den Everest – und wohl auch einen anderen 8000er – nicht besteigen. Den Trek zum Everest BC, den würde ich schon machen, nur nicht von Lukla aus, das wäre nicht richtig. Der Trek möchte erwandert werden.
    Wie Du richtig schreibst, es gibt genügend andere Berge, nicht nur im Himalaya (das von mir).
    Was die Leiter angeht, so ist es mir völlig egal, ob dort am Hillary Step eine Leiter installiert wird. Vom Aspekt der Sicherheit ist der Gedanke nachvollziehbar.

    Gruß aus Westfalen, Bernd

    • Stefanie

      Ins Everest Gebiet zum Wandern möchte ich auch sehr gerne noch, in ein paar Jahren, da finden sich bestimmt ein paar andere Täler der Stille. Viele Grüße!

  5. Lese deinen Bericht erst heute. Vielen Dank dafür. Auch ich habe den Everest gesehen, wenn auch aus größerer Entfernung auf meiner Trekkingtour im Everestgebiet. Es war ein tolles Erlebnis. Auch ich strahle gerade wie ein Honigkuchenpferd beim Gedanken an diese tolle Tour.

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