Gastbeitrag: Lechtaler Höhenweg – einmal anders

Lechtaler HöhenwegAuf dem Lechtaler Höhenweg durch Tirol, im Dauerkampf mit dem Regen, mit tollen Hütten und Klettersteigen: Maren hat hier einen spannenden Tourenbericht geschrieben, über eine Wanderung für Leute mit guter Kondition, Durchhalte-Vermögen und starkem Willen. Danke für den tollen Artikel und allen viel Spaß beim Lesen.

 

Nachdem ich letztes Jahr mit großer Bergeisterung den E5 gegangen war wollte ich diesen Sommer wieder eine Hüttentour machen – nur ein bisschen anspruchsvoller. So fiel die Wahl auf den Lechtaler Höhenweg. Allerdings nicht in der klassischen und viel begangenen Variante von West nach Ost, sondern genau andersherum und mit einem besonderen Schmankerl zu Beginn: Das erste Etappenziel war die Lorea-Hütte, eine Selbstversorgerhütte des Alpenvereins.

Und so begann eine abwechslungsreiche, herausfordernde, wunderschöne, anstrengende Wanderung vom Fernsteinsee nach Zams, mit insgesamt 5.500 Höhenmetern rauf und 5.500 Höhenmetern wieder nach unten, quasi einmal Everest Base Camp vom Meeresspiegel und wieder zurück.

1. Etappe: Fernsteinsee (948m) -Loreahütte (2.022m)

⬆1.070 hm
Reine Gehzeit: 3 h

Eine Einstiegsetappe von 3 Stunden Gehzeit schien machbar. Ein erster Dämpfer war das aufziehende Gewitter. Wir suchten Unterschlupf vor Blitz und Donner, der Regenguss traf uns voll. Nach einer Stunde in einer Mulde kauernd konnten wir unsere Wanderung wieder aufnehmen. Die erste Euphorie war dahin. Da die Loreahütte eine Selbstversorgerhütte ist, trugen wir Abendessen, Proviant für zwei Tage im Rucksack mit. Das machte sich bemerkbar. Unterwegs luden wir uns noch Holzscheite fürs Feuerholz auf.

Die letzte Stunde zog sich zäh wie Kaugummi. Der Rucksack wurde bleischwer, die Beine auch. Wieder zog der Himmel mit Wolken zu. Wir befürchteten, es würde ein neues Unwetter kommen. Erholungspausen für die müden Glieder waren jetzt nicht mehr drin. Ich stellte mir vor, ein klarer Gebirgsbach durchsprudelt meinen Körper von Kopf bis Fuß. Und ich liege auf einer Luftmatratze auf dem See – leicht und entspannt. Das lenkte mich ab. Und ehe wir uns versahen, tauchte die Loreahütte im Nebel vor uns auf.

Die Hütte und das Matratzenlager teilten wir uns mit einer vierköpfigen Familie. Es war schon komisch, selbst kochen zu müssen und kein erfrischendes Weißbier bestellen zu können.

Wohlverdienter Ausklang des Tages: Füße hochlegen und dem Alpensoundtrack aus Kuhglocken und Schafeblöken lauschen. Schlussendlich rissen noch einmal die Wolken auf und gaben den sensationellen Blick auf die Zugspitze frei.

Etappe1_Loreahütte

2. Etappe Loreahütte (2.022m)- Anhalterhütte (2.038m)

⬆1.100 hm
⬇1.100 hm
Reine Gehzeit: 7h

Entspanntes Frühstück auf der Terrasse mit Blick auf die Berge. Abmarsch bei strahlendem Sonnenschein. 300 Höhenmeter rauf zur Loreascharte (2.315m), dann abwärts ins Haimbachtal. Nach einem Geröllfeld folgten wir bald einem abwechslungreichen Weg entlang des Haimbachs. Mittags um 12 Uhr nahm ich eine kühle Dusche im Gebirgsbach. Herrlich!
Dann weiter Richtung Tal. Wir querten einen Hang auf einem kleinen Wiesenpfad im Halbschatten der Fichten, der auf eine Forststraße stieß. Dieser folgten wir mit leichtem Anstieg durchs malerische Tegestal (1.475m). Das tat ganz gut mit 12 kg Gepäck auf dem Rücken. Am frühen Nachmittag kehrten wir noch kurz bei der hinteren Tarrentonalpe (1.519m) ein. Gestärkt ging es dann zum Aufstieg zum Hinterberjöchle (2.203m). 500 Höhenmeter wollten noch einmal geschafft werden. Es ging steil hinan vor der beeindruckenden Kulisse der Heitererwand. Mühelos sprang eine Herde Schafe die Hänge rauf und runter. Beneidenswert!

Die letzte Stunde bis zur Anhalter Hütte mussten wir noch einmal steil absteigen, ein Geröllfeld und ein letztes Schneefeld queren, um dann wieder zum Kromsattel (2.137m) hochzuklettern. Dann war endlich die Hütte in Sicht! Und ein Donnerwetter nah! Im Laufschritt bewältigten wir die letzten Meter zur Hütte. Knapp geschafft! Dann brach das Unwetter über die Anhalterhütte ein. Eine kalte Dusche erfrischte die müden Knochen nur wenig. Ein Linseneintopf und eine Hollerschorle füllten die Nährstofflager wieder auf. Das Bett rief schon laut…

(Übrigens: die Anhalter Hütte bei Sonne gibts hier)

Etappe2_Anhalterhütte

3. Etappe Anhalter Hütte (2.039m) – Muttekopfhütte (1.934m)

⬆ 700hm
⬇ 700hm
Reine Gehzeit: 4 h

Heute begann offiziell der Lechtaler Höhenweg. Übers Steinjöchl (2.198m) stiegen wir hinab zum Hahnentennjoch (1.894m). Dann folgte ein steiler Anstieg über viel Geröll hinauf zum Scharnitzsattel (2.441m). Spannend wurde es, als die letzten Höhenmeter über eine Leiter und mit Stahlseil gesicherten Weg führten. Da brannte jedes Kilo Gepäck im Oberschenkel.

Dann ging es wieder hinab auf einem alpinen Wanderweg zur Muttekopfhütte. Dort erwartete uns erst einmal ein fragender Blick als wir nach freien Betten fragten. Wir bekamen zwar noch ein Quartier, allerdings nur im Winterlager. Was wir nicht wussten: Die Muttekopfhütte erfreut sich großer Beliebtheit bei Kletterern und Wanderern. Eine Vorabreservierung empfiehlt sich!

Nach dem kurzem Schreck wurden wir köstlich bewirtet. Für eine Alpenvereinshütte gab es eine ungewöhnlich große Auswahl an vegetarischen Speisen. Sogar frische Salate wurden angeboten. Eine Seltenheit auf der Tour! Grund dafür: Über die Materialseilbahn wird die Küche stets mit frischen Produkten versorgt.

Gut gestärkt schnallten wir uns am Nachmittag die Klettersteigsets um und Helme auf und gingen zum nahe gelegenen Wasserfallklettersteig (Schwierigkeit: B/C, kurz). Mein erster Klettersteig überhaupt begann mit einem angeschlagenen Knie. Mir war streckenweise mulmig, aber am Ende war ich stolz, alle Hindernisse und vor allem meine Höhenangst überwunden zu haben. Danach spazierten wir auf dem Drischlsteig über viel Treppen zu einer Aussichtsplattform. Von dort genießt man in luftiger Höhe eine sensationelle Aussicht ins Tal.
Die Muttekopfhütte ist eine der ältesten Alpenvereinshütten, wurde aber 2004 generalsaniert. Alle Zimmer und Waschräume sind modern und sauber. Zu unserer Freude gab es am dritten Tag auch wieder eine warme Dusche.

Etappe3_Weg_zur_Muttekopfhütte

4. Etappe Muttekopfhütte (1934m) – Hanauerhütte ( 1922m)

⬆1.000 hm
⬇1.000hm
Reine Gehzeit: 7 Std

Aufstieg zum Kübelspitz (2.630m). Bald nach dem Abmarsch setze ein starker Regen ein. Wenn das so bliebe, wäre diese Etappe ins Wasser gefallen. Wir entschieden bis zum Grat am Kübelspitz zu gehen und dann zu entscheiden, ob wir weitergingen oder umkehrten. Entgegenkommende Wanderer rieten uns zu letzterem. Bei Nässe sei die Überschreitung des Grats sehr gefährlich.

Doch wir hatten Glück: oben angekommen zog der Himmel auf und die Sonne kam hervor. Allerdings wehte noch ein starker Wind. Wir beschlossen die Wanderung fortzusetzen. Wobei Wanderung nicht ganz der richtige Begriff für das war, was kam. Es folgte 500 m abwärts eine anstrengende Kraxelei. Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit waren erforderlich.

Nach fünf Stunden mit Umzieh- und Essenspausen erreichten wir den Kessel. Dort sind saftige Wiesen und Windstille. Ein idealer Ort zum Rasten. Wir gingen jedoch weiter, denn es zogen schon wieder Wolken am Himmel auf und wir fürchteten ein erneutes Unwetter. So stiegen wir auf zum Galseitenjoch (2.421m). Wir hatten einen herrlichen Blick ins Angerletal. Sogar unser heutiges Etappenziel, die Hanauer Hütte, konnten wir schon sehen.

Allerdings mussten wir noch einmal zwei Stunden steile Almweisen, ein Geröllfeld und Schotterpfade bewältigen. Es zog sich. Die steilen Auf- und Abstiege im unwegsamen Gelände machten sich schmerzhaft in den Gelenken und Füßen bemerkbar. Eine heiße Badewanne wäre recht gewesen… Es gab aber wegen Wassermangel nicht einmal eine Dusche auf der Hanauer Hütte. Die Auswahl vegetarischer Speisen auf Käsespätzle reduziert. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett!

Tipp: Auf der Hanauerhütte gibt es für 10 Euro tagesweise Klettersteigsets zu leihen. In unmittelbarer Umgebung der Hütte gibt es Klettersteige unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade.

Etappe4_Hanauerhütte

5. Etappe Hanauer Hütte (1.922m) – Steinseehütte (2.061m)

⬆600 hm
⬇500 hm
Reine Gehzeit: 3h

Ein grauer Morgen in grauen Bergen mit grauer Stimmung. Bei starkem Wind stiegen wir auf der östlichen Variante zur Hinteren Dremelscharte (2.534m) auf. Der Weg verlief viel über rutschigen Schotter. Das machte wenig Freude. Erstmals zog ich meine Mütze an, weil der Wind so kalt blies. Zum Glück war es nur eine kurze Etappe. Auf der anderen Seite der Scharte war es sonnig. So wurde uns beim Abstieg wieder warm. Der Steinsee (2.222m) lag türkis vor uns. Das Wasser klar wie Kristall. Mit Begeisterung sprang ich ins Wasser. Es geht nichts über ein erfrischendes Bad in einem Bergsee!

Um mich wieder aufzuwärmen musste ich drei Schichten übereinander ziehen. Eine Brotzeit am See mit Blick auf die umliegenden Berge versöhnte uns wieder mit dem Tag. Bis zur Steinseehütte waren es nur noch 30 Min. Dort wurden wir herzlich empfangen. Die Kasknödelsuppe* ist sehr zu empfehlen! Den Nachmittag nutzten wir zum Ausruhen. Eigentlich hatten wir vorgehabt, einen naheliegenden Klettersteig zu gehen, aber das Wetter machte uns leider einen Strich durch die Rechnung.

Das Abendessen war das bislang Beste auf der Tour. Ebenso wie der Schnaps. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass die Hüttenwirte sehr zufrieden sind mit dem Leben in der Abgeschiedenheit und den täglich durchreisenden Wanderern. Das überträgt sich auf die Gäste. Die Stimmung abends in der Stube war fröhlich entspannt, aber nicht so trubelig wie auf den anderen Hütten.

*Rezept Kasknödel:

300g Weißbrot
300ml Milch
300g Käse (mild, mittel, kräftig)
3 Eier
Petersilie
Salz, Pfeffer
Knödelmasse vermenengen und zu Knödeln formen, in Butterschmalz braten, über Dampf garen, in Brühe legen, servieren

Etappe5_Steinsee

6. Etappe Steinseehütte (2.061m) – Württemberger Haus über Bitterichsee (2.220m) (mit Variante Klettersteig Steinkarspitze)

⬆700hm (100hm)
⬇500hm (800hm)
Reine Gehzeit: 4h (mit Klettersteigvariante 7h)

Nachdem das Wetter zwar nicht sonnig, aber stabil aussah, beschlossen wir noch den für den Vortag geplanten Klettersteig zur Steinkarspitze (Schwierigkeit: B/C) zu gehen. Über viel Geröll arbeiteten wir uns vor. Plötzlich hörten wir von oben Steine rollen. Wir hielten an. Vor uns tauchte ein Steinbock auf! Er sondierte das Gelände und uns. Wir schienen ihm wohl ungefährlich, denn er kletterte nicht weit von uns entfernt weiter hinab. Dann weiteres Steinerollen. Eine ganze Steinbockherde passierte uns. Es war sensationell!

Nach dem Klettersteig machten wir ein Picknick mit Pumpernickel und Bergkäse. Das lässt sich gut transportieren und ist haltbar. Kommt die nächste Bergtour auf meine Packliste.
Nun machten wir uns auf den eigentlichen Weg zum Württemberger Haus. Auf Empfehlung anderer Wanderer entschieden wir uns für die etwas angenehmere, wenn auch längere Route über das Gupfelgrasjoch (2.382m) vorbei am Bitterichsee (2.204m). Irgendwann fing es an zu regnen, hörte wieder auf. Mal blies ein kalter Wind, mal wurde mir zu warm. So musste ich immer wieder anhalten und mich umziehen. Der Weg ging viel auf und ab, auch wieder mit rutschigen Geröllpassagen. Ich muss schon sagen, nach fünf Tagen war bei mir die Luft ein bisschen raus.

Gegen Ende passierten wir noch die Bitterscharte (2.535m). Und das war tatsächlich bitter: Es regnete mittlerweile stark. Die Stahlseile beim steilen Aufstieg waren nass, kalt und rutschig. Wir mussten noch einmal ordentlich die Zähne zusammenbeißen. Die letzte halbe Stunde zur Hütte liefen wir durch strömenden Regen, aber wenigstens auf halbwegs normalen Wanderwegen.

Acht Stunden nach Abmarsch erreichten wir durchweicht das Württemberger Haus (2.220m). Leider gab es keine heiße Dusche. Nur einen Waschraum mit kaltem Wasser. Immerhin: Wir hatten zum ersten Mal ein eigenes Zimmer und mussten uns nicht mit vielen anderen schnarchenden und stinkenden Wanderern das Lager teilen. Das kulinarische Angebot überzeugte mich als Nicht-Fleisch-Esser nicht. Nach dem Tag war ich eh viel zu erschöpft, um etwas zu essen. Selig schlummerte ich zum ersten mal auf der ganzen Tour bis zum Morgen durch.

Etappe6_Bitterichsee

7.Etappe Württemberger Haus (2.220m) – Zams Bahnhof (777m)

⬇ 1.450hm
Reine Gehzeit: 3,5 Stunden

Am letzten Tag stiegen wir ab ins Tal. Der Weg zieht sich durch eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Landschaft. Diesen Teil der Strecke kannte ich schon von meiner E5-Tour aus dem vergangenen Jahr. Ich freute mich sehr auf diesen vielleicht schönsten Teil der Wanderung. Ich ließ in Gedanken noch einmal all die Highlights der Tour vorüberziehen: Der Blick auf die Zugspitze bei Sonnenuntergang am ersten Abend nach dem Gewitter, die beeindruckende Kulisse der Heiterer Wand, den ersten Klettersteig meines Lebens bei der Muttekopfhütte, und ja auch die wahnsinnig anstrengende Etappe zur Hanauer Hütte, das Bad im eiskalten Steinsee, die Kasknödelsuppe und Hüttengaudi auf der Steinseehütte, die Steinböcke am Spiehlerturm (ich kriege jetzt noch Gänsehaut) und das kuschelige Federbett im Württemberger Haus. Diese Woche auf dem Lechtaler Höhenweg hat mich so weit aus meinem Alltag katalpultiert wie es keine Fernreise schaffen könnte. Ich freue mich schon auf meine Alpenwoche im nächsten Sommer – da geht es zum Berliner Höhenweg.

Etappe7_Abstieg_nach_Zams

Tipps:

  1. Auf der gesamten Strecke kommt man immer wieder an Gebirgsbächen vorbei, wo man seine Trinkflasche mit frischem, kaltem Wasser auffüllen kann. Große Wasservorräte muss man nicht mitschleppen.
  2. Bei den Hütten vorab reservieren. Besonders, wenn man zur Hauptwanderzeit im August unterwegs ist. Wer frühzeitig plant, kann sogar Zimmer buchen und spart sich so unangenehme Nächte im Matratzenlager.
  3. Für die Passagen mit Stahlseilen habe ich Radlhandschuhe angezogen. So konnte ich gut schmerzfrei zupacken. Für die Klettersteige auf der Strecke sind Klettersteigsets und Helme unerlässlich.

5 Comments

  1. Pingback: Der Blick in andere Reiseblogs | Luxushotel-Tester

  2. Ferdinand

    Hallo Maren,

    ich hätte eine Frage an dich, und zwar: Auf der Strecke zwischen der Hanauer Hütte und dem Württemberger Haus. Denkst du, die passagen (mit Drahtseil) wären mit einem Hund begehbar?

    Grüße,
    Ferdinand

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