Alpenüberquerung – Die Wanderung auf dem E5 (Teil 2)

Tag 1 bis 3 auf dem Weg zwischen Oberstdorf und Meran

Ich möchte hier keine detaillierte Wanderbeschreibung meiner Alpenüberquerung geben, die nehmt ihr besser aus Karte und Wanderführer. Ich habe kaum Notizen gemacht, an viele Erlebnisse entlang der Route erinnere ich mich aber noch gut- auch mit Hilfe der 2.000 (?) Fotos.

Start in Oberstdorf war für uns an einem Juni-Sonntag- obwohl man vor dem Sonntag als Starttag warnt, da viele Leute an dem Tag aufbrechen. Das war wie bei Teil 1 der Serie schon gesagt kein Problem, schwerer zu schaffen machte die Unwetterwarnung über Bayern, Regen, Sturm, Nebel und dunkle Wolken waren angekündigt. Wie ließen uns nicht abschrecken, die erste Etappe vom Bahnhof Oberstdorf zur Kemptner Hütte ist kurz, startet flach. Zunächst einmal statteten wir den Souvenirläden von Oberstdorf einen Besuch ab, um die Ausrüstung zu vervollständigen und wer weiß schon, wann man wieder Zivilisation erreicht, beim Trek über die Alpen.

Von Oberstdorf über die Kemptner Hütte bis Holzgau

Die Skisprungschanzen waren kaum zu erkennen im Nebel und Nieselregen, in den 4 Stunden zur Hütte hoch besserte sich das auch nicht. Der Weg aber nicht schwer, steil oder ausgesetzt, so dass man zwar rundum nichts von den Allgäuer Bergen sah, aber auch nicht vom Weg abkommen konnte. Eintönig und ungemütlich war es – bis schließlich der Geruch von Essen in der Luft hing. Ein paar Schritte weiter standen wir dann direkt vor der Kemptner Hütte. Kein Gedanke an den Sonnenuntergang auf der Terrasse – auf den Bänken vor der Hütte lag etwa 10 cm Neuschnee!

Kemptener Hütte E5 zwischen Oberstdorf und Meran

Schnell hinein, gerade rechtzeitig um noch Abendessen zu bekommen, der heiße Tee wirkte Wunder. Den Leuten hier auf der Hütte sollten wir in den nächsten 6 Tagen der Alpenüberquerung immer wieder begegnen, es waren vielleicht 40. Der Hüttenwirt erzählt vom Neuschnee und den wenigen Besuchern auf der Hütte bis jetzt – er nahms gelassen und freute sich, endlich einmal Zeit für Kreuzworträtsel zu haben (Wenn ihr mal früh im Sommer auf der Kemptner Hütte seid, bringt dem Wirt doch bitte ein Kreuzworträtselheft mit!). Entsprechend hatten wir ein 8er Zimmer zu zweit, heißes Wasser gab es nicht, aber Schokolade auf den Kopfkissen.

 

Der nächste Tag, Nebel, Schnee wohin man blickte, grau, wild, spannend! Wir ließen die Gruppen mit den Bergführern mal zuerst losgehen, schließlich kannten die den Weg nach Meran. Ein Weg war im Tiefschnee nicht zu sehen, kaum mal ein Wegzeichen, nur die Spuren der anderen. Gleich hinter der Hütte schon ein Schild, dass den Grenzübertritt nach Österreich markiert, und pünktlich zur Mittagszeit in Tirol: eine Ortschaft, Holzgau. Eine warme Mahlzeit, am Nebentisch eine der Gruppen, die wir schön kennen.

 

Von Holzgau zur Memminger Hütte

Hinter Holzgau beginnt ein langweiliges Wegstück entlang einer Straße, dass die meisten E5 Wanderer mit Taxi überbrücken, die Gruppe nimmt uns mit. Nach dem guten Essen dann das zweite Highlight des Tages: die Materialseilbahn zur Memminger Hütte! Ein Metallkasten hängt am Stahlseil, man legt seinen schweren Rucksack hinein, behält nur das nötigste bei sich. Über die Kiste kommt eine Plane, über Funk wird der Hüttenwirt vorgewarnt und dann entschwebt die Kiste samt Rucksäcken wie von Zauberhand in den Nebel, nach oben. Kleiner Vorgriff: an der Hütte angekommen, wartet der treue Rucksack oben, schwanzwedelnd, wenn er denn einen hätte.

Materialseilbahn Memminger Hütte E5 Alpenüberquerung

Der Weg zur Hütte recht steil, aber gespickt mit Steinböcken und Haflingern, etwas Matsch und viel Schnee, an den man sich ja schon fast gewöhnt hat. Die Memminger Hütte erscheint immer dann, wenn die 10 schönsten Hütten der Alpen oder ähnliche Aufzählungen veröffentlicht werden. Weil sie so malerisch inmitten von hohen Gipfeln in der Nähe von herrlich blauen Seen, umgeben von saftig grünen Wiesen liegt. Auf Bildern kann man das glücklicherweise öfter sehen, bei uns allerdings: grau. Nebel. Dunkleres grau waren wohl Felswände. Aus einem dunkelgrauen Fleck wird schließlich die Hütte. Es gibt ein schönes Zimmer, natürlich keine heiße Dusche, gutes warmes Essen in einer Stube mit warmem Feuer.

Und plötzlich reißt die Wolkensuppe auf, man sieht Bergwände und Gipfel. Alles rennt nach draußen, die Fotoapparate clicken wie wild, jeder gibt alles. Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei. Graue Suppe. Schnell wieder hinein, gute Nacht.

Berge an der Memminger Hütte E5 Alpenüberquerung

Die Seescharte- die Schlüsselstelle auf 2.599m

Am nächsten Morgen der Alpenüberquerung das gleiche Spiel. Schnee, Wolken. Schon kurz nach dem Frühstück – wir haben die Bergführer mit ihren Gruppen wieder vor gehen lassen – näheren wir uns der für mich kritischsten Stelle der ganzen Wanderung auf dem E5. Der Weg zur Seescharte hoch ist steil, eisig, rutschig, kurzzeitig mit Stahlseil gesichert. In der Scharte stehend ein banger Blick, auf der anderen Seite geht es noch steiler, noch eisiger, furchterregend nach unten. Kein Platz zum Bewegen, auf beiden Seiten des kleinen Standplatzes geht es steil nach unten. Grödel? Tief im Rucksack verstaut. Aber mit Überwindung, sicheren Tritt findend, auf den Halt durch die Wanderstöcke verlassend überstehe ich auch die ersten 10 Schritte auf der anderen Seite der Seescharte.

Seescharte am E5 Alpenüberquerung Oberstdorf Meran

Jetzt geht es nur noch bergab, 1000 Höhenmeter oder so. Mittagessen? Im Schnee kein gemütlicher Platz zu finden, also im Stehen ein Apfel, ein paar Kekse, weiter. Irgendwann hört der Schnee auf, es geht über Wiesen, weiter rundum alles in dunklen Wolke gehüllt, bald auf breitem Weg hinunter ins Tal, wo ein Fluss fließt, Autos fahren. Der Ort Zams ist unser Etappenziel, Übernachtung in einer Pension, mit Badewanne, Essen in einer Pizzeria, ein Supermarkt vom feinsten. Alpenüberquerung trifft Zivilisation.

Die Sonne!
Am nächsten Morgen: schon am Frühstückstisch ist blauer Himmel zu sehen. Beim Losmarschieren scheint die Sonne. Und das schönste: Bis zur Ankunft in Meran sollte keine Wolke, kein Nebelfeld, kein Schneeschauer ihr Antlitz mehr trüben! Vom tiefsten Winter waren wir in den herrlichsten Sommer gewandert!

in Zams, Alpenüberquerung E5 von Oberstdorf nach Meran

 

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Berichte zu meiner Alpenüberquerung

Alpenüberquerung E5 Etappen 1 bis 3

Alpenüberquerung E5 Etappen 4 bis 6

Alpenüberquerung E5 Etappen 7 bis 9

Alpenüberquerung E5 Etappen 10 und 11

E5 Kaunergrat-Variante

Tipps für die Planung und Durchführung der E5 Alpenüberquerung

Alpenüberquerung E5 Extras (Literatur, Wanderkarte, Tipps)

Alpenüberquerung E5 Vorbereitung und Tipps

Und: Interview mit TV Moderatorin Tamina Kallert über ihre Alpenüberquerung auf dem E5

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Stefanie Dehler
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Stefanie Dehler

Herausgeberin des Gipfelglück Blogs - einer Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Bier, Bücher und Instagram.
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