Gipfelbuch: Großglockner

Gipfelglück Großglockner
Foto: Christian Riepler

Ist der Großglockner schwer? Wie anspruchsvoll ist die Bergtour auf den höchsten Berg in Österreich? Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, weil die Tour von sehr vielen Faktoren abhängig ist, die jeden Tag anders sind, die Bedingungen, die Schneelage, die Anzahl und das Verhalten anderer Bergsteiger uvm.

Was ich sagen kann: meine eigene Großglockner Besteigung war überwältigend, grandios, die Bedingungen hätten besser nicht sein können. Deswegen mein persönliches Urteil: anspruchsvoll ist er, klar, beinahe 4.000m Höhe mit Gletscher-, Klettersteig- und Kletterpassagen. Aber schwer, nein, nicht bei dem großen Glück, ideales Wetter, dank schlechter, fragwürdiger Wettervorhersage wenig Bergsteiger am Gipfel zu haben und natürlich auch einem super Bergführer und sympathischen Mit-Bergsteigen.

Das Gipfelkreuz auf dem Großglockner
Das Gipfelkreuz auf dem Großglockner

Auf dem Normalweg – kurz zusammengefasst unsere Großglockner-Route (Details weiter unten):

Sonntag Abend: Anreise nach Kals in Osttirol und über die Kalser Glocknerstraße bis zum Lucknerhaus. Katastrophales Wetter, aber im gemütlichen Lucknerhaus auf 1.920m lässt sich gut die Zeit vertreiben, essen, mit einem späten Spaziergang etwas akklimatisieren und schlafen.

Montag nach dem Frühstück gemütliche Wanderung (knapp 2 Stunden) bei Wolken zur Stüdlhütte, Treffen mit dem Bergführer Christian und den zwei Mitwanderern, dann Aufstieg über Gletscher und Klettersteig zur Adlersruhe (Erzherzog Johann Hütte) bei meist miserablem Wetter, mit Regen und Schneeregen (ca. 2 1/2 Stunden)

Dienstag um 5.30 Uhr Abmarsch bei wolkenlosem Himmel, traumhaftem Sonnenaufgang, 7 Uhr am Großglockner Gipfel, danach kompletter Abstieg die 1.900 Hm hinunter zum Lucknerhaus

 

Großglockner Tag 1 – vom Lucknerhaus zur Adlersruhe

Das einzige Geräusch am Lucknerhaus ist am Morgen das Pfeifen der Murmeltiere. Von den Tagesausflüglern und Reisebussen ist noch nicht viel zu sehen – vom Großglockner aber auch nicht. Die erste Etappe durch das Ködnitztal bis zur Stüdlhütte kenne ich noch von meinem Gletscherkurs von 2012, es ist einfaches Wandergebiet, am Bach entlang, auf einem Pfad oder (bis zur Lucknerhütte) auf einem breiten Fahrweg. Die ersten Meter kann man dem Nationalparks-Lehrweg „Glocknerspur – BergeDenken“ folgen und viel über Geologie und Geschichte, über Bergbauern und Bergsteiger lernen.

Einstimmen aufs Abenteuer Großglockner auf dem Lucknerhaus
Einstimmen aufs Abenteuer Großglockner auf dem Lucknerhaus
Kein guter Start: kein Gipfelblick beim Aufwachen
Kein guter Start: kein Gipfelblick beim Aufwachen

Nach etwa 2 Stunden erreiche ich die Stüdlhütte, melde mich beim dortigen Hüttenteam an, treffe die zwei Mit-Bergsteiger und wir lernen uns bei kalten Getränken und heißer Suppe kennen, bis dann auch Bergführer Christian von den Kalser Bergführern zu uns stößt.

Er erzählt von seiner Erfahrung mit über 250 Glockner-Besteigungen bisher, gibt uns einen Überblick zu unserer Tour und checkt unsere Ausrüstung. Dann ziehen wir die Regenjacken an, denn das Wetter ist miserabel geworden – deswegen glaube ich zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht daran, am nächsten Tag auf dem Gipfel zu stehen.

Immer noch nicht besser: Abmarsch an der Stüdlhütte
Igitt: Abmarsch an der Stüdlhütte

Wir gehen etwa eine halbe Stunde mehr oder weniger weglos über Steine zum Gletscher, dem Ködnitzkees – als ich hier vor Jahren meinen Gletscherkurs hatte, geschah dies bei strahlendem Wetter und immer mit Blick auf den Großglockner.

Grau in grau mit ein bisschen bunt
Grau in grau mit ein bisschen bunt

Heute ist alles grau in grau, Regen wechselt mit Schneeregen ab. Am Beginn des Gletschers seilen wir uns an, es liegt aber genug Schnee, so dass wir keine Steigeisen benötigen. In der Spur kommen wir gut voran; eine lange Querung versuchen wir zügig zu gehen – durch den Klimawandel und den Rückgang des Permafrostes wird dieses Wegstück stetig steinschlaggefährdeter.

Angeseilt über das Ködnitzkees
Angeseilt über das Ködnitzkees

Nach etwa 1 1/2 Stunden erreichen wir die Felsen am Gletscherrand. Wir packen die Trekkingstöcke weg, vor uns liegt ein Stück Klettersteig. Ich habe Respekt; der Regen ist zwar weniger geworden, Fels und Stahlseil sind natürlich noch nass. Angeseilt bleibt dir aber nichts anderes übrig als loszuklettern. Nur unser Bergführer nutzt ein Klettersteigset. Entgegen all meiner Befürchtungen geht das Klettern ganz gut, am Fels und am Stahlseil kann man sich stets festhalten, die Füße finden gute Standplätze auf den großen schwarzen Blöcken. Laut Bergführer ist dieser Klettersteigabschnitt der konditionell anspruchsvollste Teil des Weges.

Nasser Klettersteig zwischen Stüdlhütte und Adlersruhe
Nasser Klettersteig zwischen Stüdlhütte und Adlersruhe…
...es sieht schlimmer aus, als es ist!
…es sieht schlimmer aus, als es ist!

Der felsige Weg endet auf der Terrasse der Adlersruhe, wie die Erzherzog Johann Hütte genannt wird. Ein großes Gefühl, die Adlersruhe ist die höchst gelegene Hütte Österreichs auf 3.454 m. Eine wichtige Etappe ist geschafft, das Wetter (gegen 15 Uhr) aber immer noch wenig vielversprechend.

Immerhin trocken. Endspurt zur Adlersruhe
Immerhin trocken. Endspurt zur Adlersruhe
Wo der Klettersteig die Erzherzog-Johann-Hütte erreicht
Wo der Klettersteig die Erzherzog-Johann-Hütte erreicht

Wir sind die erste Gruppe heute hier oben – und können uns so die besten Plätze am Kamin sichern. Plätze, um die Klamotten zu trocknen…

Wir vertreiben uns die Zeit, hauptsächlich mit Skeptische-Blicke-Richtung-Gipfel-Werfen, aber auch mit Kuchen essen, Kaffee trinken, lesen, die anderen Seilschaften kennen lernen und einem Schnellkurs in Steigeisen anlegen. Für viele Bergsteiger ist die Adlersruhe der erste Ort, wo sie Steigeisen anprobieren. Viele machen die Tour anlässlich ihres 50. Geburtstags, als Geschenk oder selber geschenkt.

Und Frauen? Unter den Kunden der Bergführer sind es ca 40%, heute sind es 5 von rund 30 Bergsteigern. Unter den Kalser Bergführern gibt es keine einzige Frau, in Osttirol immerhin 2.

An den Wänden der Hütte hängen Fotos, auf denen man Abschnitte des Weges vom nächsten Tag studieren kann. Der Gipfel des Großglockners ist noch immer wolkenverhangen, mal mehr, aber auch mal weniger, der Himmel wird tatsächlich immer blauer! Zum ersten Mal seit Tagen verspüre ich vorsichtigen Optimismus, vielleicht klappt das ja wirklich mit mir und dem Glockner!

Erster Optimismus - die Adlersruhe mit blauem Himmel
Erster Optimismus – die Adlersruhe mit blauem Himmel

Tief unten erkennt man bereits das Lucknerhaus, auf das Geländer der Terrasse gelehnt blickt man ungläubig auf das riesige, hässliche Parkhaus der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (auf 2.369 m, bei Heiligenblut). Und ich stelle mir vor, wie Touristen aus aller Welt dort unten auf der Terrasse stehen, hinauf blicken und zu Hause davon erzählen, wie sie “über den Großglockner gefahren” sind… In der anderen Richtung, 350 m über mir, sehe ich inzwischen ab und an ein kurzes Glitzern, metallisch, die Sonne wird vom Gipfelkreuz reflektiert! So nah, so nah am höchsten Punkt Österreichs! Hüttenwirt Peter Tembler stellt sich zu mir ans Geländer. Zeigt mir die Salmhütte, erzählt von anderen Wegen auf den Glockner, zum Beispiel von Heiligenblut herauf, beschreibt erschütternd, bis wohin einst der Gletscher reichte und wo jetzt nur noch eine Pfütze übrig scheint.

Lieber wende ich den Blick wieder nach oben, zwischen den umher fliegenden Wolken ist jetzt wahrhaftig der Gipfel zu sehen!

Blick hinab - die Franz-Josefs-Höhe an der Großglockner Hochalpenstraße
Blick hinab – zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe an der Großglockner Hochalpenstraße
Blick hinauf - zum Großglockner Gipfel
Blick hinauf – zum Großglockner Gipfel

Dies erst einmal genug Worte zur Adlersruhe – ich war so positiv überrascht und habe mich so wohl gefühlt, dass es demnächst einen eigenen Artikel zur Erzherzog Johann Hütte gibt.

Abendessen, Ausrüstung zurecht legen, Wecker stellen und 5 mal überprüfen, noch mal das Wetter auf der Terrasse checken – was man bei jeder Hüttentour abends macht. Zum Schlafen scheint es angebracht lange Unterhosen anzuziehen, unter den kuscheligen Alpenvereinsdecken ist es aber wärmer als gedacht. Und dann:

 

Großglockner Tag 2 – von der Adlersruhe zum Großglockner Gipfel

Für die Höhe habe ich überraschend viel und gut geschlafen. Einen kurzen Klo-Gang um 3 Uhr nutze ich für einen Blick nach draußen: unten die Lichter von Heiligenblut, oben die Milchstraße. Keine Wolken…sehr vielversprechend!

Sonnenaufgang an der Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner
Sonnenaufgang an der Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner

Beim Weckerklingeln und Aufstehen um 5 Uhr zeigt sich im Osten gerade so ein dünner gelborangener Streifen. Zum Frühstück (3 Scheiben Brot mit Marmelade und Nutella plus Kaffee) erscheinen alle bereits mit angelegtem Klettergurt und Bergschuhen an den Füßen. Die Rucksäcke werden in einer Ecke abgestellt, denn: der Bergführer wird die Wasserflaschen seiner Seilschaft tragen, die Kamera kommt in die Jackentasche, Steigeisen an die Füße, Helm und Handschuhe an – und mehr werden wir nicht brauchen für die 344 Höhenmeter zum Gipfel. Meine Frage, ob ich einen Müsliriegel einpacken soll, wird zum Running Gag unter den Kalser Bergführern…

Gleich an der Hütte ziehen wir die Steigeisen an, seilen uns an. Die ersten Schritte über ein paar Felsen und dann auf Schnee geht es direkt nach Osten – wo die Sonne pünktlich zum Abmarsch rotgolden über dem Großen Wiesbachhorn und dem Hochkönig aufgeht. Himmel, Felsen, Schnee, alles leuchtet in warmen Goldtönen – allein für diesen Anblick hat sich diese ganze Tour schon gelohnt!

Wenn über dem Wiesbachhorn so die Sonne aufgeht, hat sich die Tour schon gelohnt!
Wenn über dem Wiesbachhorn so die Sonne aufgeht, hat sich die Tour schon gelohnt!

Ich bin wahnsinnig erleichtert, dass es nicht regnet, dass ich wirklich die Chance habe, an diesem Dienstag auf den Großglockner zu steigen.

Es geht los!
Es geht los!

Die Kalser Bergführer wissen, wie sie mit so wenig Bergsteigern umzugehen haben, die Seilschaften gehen nacheinander los, mit Abstand, heute wird ein Tag ohne Drängeleien, ohne haarsträubende Überholmanöver sein, die man bei mehr Bergsteigern erwarten muss. Erneut: große Erleichterung bei mir! Wenn die schwierigen Stellen kommen, kann ich Gedrängel und Ungeduld wirklich nicht vertragen.

Wir sind die zweite Seilschaft, die sich auf den Weg zum Gipfel macht. Was gut ist zur Orientierung und zum Fotografieren, so sieht man schön, wo der Weg hinführt, bekommt ein Gefühl für Geschwindigkeit und Orientierung. Es herrscht herrliche Ruhe, vom Knirschen der Steigeisen abgesehen.

Der Großglockner morgens um 6.
Der Großglockner morgens um 6.

Aber: es gibt relativ wenig Fotos von dieser Tour. Zwar hatte ich Handy und meine kleine Actionkamera dabei, trotzdem habe ich wenig Fotos gemacht. Grund ist das Gehen als Seilschaft. Entweder gehen alle oder es stehen alle. Während des Gehens am Seil mit Steigeisen noch fotografieren birgt zu viel Risiken und ich wollte nicht ständig alle bitten mal kurz zum Fotografieren stehen zu bleiben… Überholen birgt Risiken, ungeduldige, genervte Mit-Bergsteiger wollte ich auch nicht, deswegen gab es nur ein paar kurze Fotopausen, der Rest bleibt in meinem Kopf.

Fotopause!
Fotopause!

Am Seil gehen wir über ein relativ flaches weites Schneefeld in Richtung des sogenannten Bahnhofs. Spalten sehen wir hier keine, gleichmäßig stapfen wir in großen Serpentinen voran, wenden uns nach Norden zu. Am Glockner Leitl wird es steiler, die Serpentinen kürzer und enger, hier ist man wirklich froh, die Steigeisen zu haben und mit den Trekking Stöcken die Balance halten zu können.

Wo der Gletscher den Fels berührt, bekommen wir die nächste gute Nachricht: der restliche Weg ist aper genug, dass wir die Steigeisen ausziehen können! Auch wenn ich seit meiner Marmolata-Tour weiß, dass man mit Steigeisen sicherer auf Fels geht als gedacht, so ist es doch eine weitere Erleichterung. Schließlich hängen wir zu viert am Seil, zum Teil mit kaum Seil- und Steigeisen-Erfahrung, und so ist es sicherlich für alle ein Vorteil, nur mit Schuhen gehen zu können. Und so wählt der Bergführer einen guten Platz, wo wir Steigeisen und auch die Trekking Stöcke deponieren.

Unser Depot für Steigeisen und Trekking Stöcke
Unser Depot für Steigeisen und Trekking Stöcke

Noch einmal tief durchatmen, wir müssen jetzt klettern, jetzt wird es schwer und anspruchsvoll. Oder?

Unaufgeregt und ruhig geht unser Bergführer Christian voran; um lange Metallstangen, an denen wir in unregelmäßigen Abständen vorbei kommen, wickelt er unser Seil, ich, weil ich an zweiter Position gehe, wickele es beim Vorbeigehen wieder ab. Der “Weg” ist relativ gut erkennbar, über große dunkle Blöcke steigen wir stetig bergauf, immer hat man guten Stand, zunächst ist es kaum beängstigend, kaum ausgesetzt, es drängelt niemand, die Sonne scheint, wir gehen in gleichmäßigem Tempo immer weiter, immer höher, wie ich auf meiner Armbanduhr feststelle. Und zwischendurch frage ich mich tatsächlich, ob das echt alles ist, ob der höchste Berg in Österreich so unkompliziert sein kann!

Typische Glockner Felsen auf dem Weg zum Gipfel
Typische Glockner Felsen auf dem Weg zum Gipfel
Aufwärts zum Glockner
Aufwärts zum Glockner

Eine mal heikle Stelle sind ein paar flache Meter. Flach, aber auch höchstens vielleicht 20 cm breit. Rechts und links davon geht es gewaltig bergab… Was für mich tatsächlich problemlos ist – konzentrieren, 4 Schritte gerade aus und ich bin drüben. Es ist aber auch nicht vereist an diesem Tag, der Schneerest ist perfekt. Ich selber komme wie gesagt ohne Sorgen über diesen Grat, ich mache mir aber schon Gedanken, was passiert, wenn einer der beiden nachfolgenden Bergsteiger meiner Seilschaft stolpert, Panik bekommt und stürzt. Ob wir, an einem Seil hängend, ihn so schnell werden halten können ohne selbst hinterher zu fliegen?

Konzentrieren an der Kleinglockner Schlüsselstelle
Konzentrieren an der Kleinglockner Schlüsselstelle (im Hintergrund Bergsteiger an der Glockner Scharte)

Schritt um Schritt, begleitet von kurzen Kommandos oder Tipps unseres Bergführers, stehen wir plötzlich schon am Gipfel des Kleinglockners (3.770m), und mir wird mulmig beim Gedanken, jetzt einige Hm in die berüchtigte Glocknerscharte abzusteigen um auf der anderen Seite die letzten Höhenmeter zum Großglockner hinauf zu klettern.

Beruhigenderweise sieht man auch hier eindeutig, wo man hinsteigen und -fassen muss. Abklettern ist einfach nicht mein Ding und ich bin heilfroh, dass wir keine Steigeisen tragen, dass es so trocken und aper ist.

Runter zur Oberen Glocknerscharte und drüben wieder hoch
Runter zur Oberen Glocknerscharte und drüben wieder hoch

Durch die Scharte geht es dann problemlos, sehr schmal, sehr ausgesetzt, mit Konzentration kommt man gut hinüber. Ich muss leicht hysterisch lachen, als wir anfangen von den Skifahrern zu sprechen, die sich hier im Winter abseilen und dann die Pallavicinirinne mit Ski abfahren – es gibt so verrückte Leute auf der Welt.

Auch hier geht alles gut, alle vier sind wir auf der anderen Seite und beginnen wieder zu klettern. Plötzlich ist kurz vor mir das Gipfelkreuz zu sehen, völlig überwältigt schießen mir ein paar Tränen in die Augen, die ich schnell wegblinzele und die unter der dunklen Gletscherbrille zum Glück niemand sieht. Keine Minute später murmelt der Bergführer etwas, dass er gleich am Gipfel Tränen sehen will – “schon erledigt” denke ich mir grinsend. Und dann geht es nicht mehr höher.

Das Gipfelkreuz des Großglockners
Das Gipfelkreuz des Großglockners

Um 7 Uhr, ziemlich genau eineinhalb Stunden nach dem Abmarsch, stehen wir am Gipfel des Großglockners, am höchsten Punkt von Österreich. Bei strahlendstem Wetter, feiner Aussicht, umgeben von strahlenden Gesichtern, voller Dankbarkeit. So viel Wetterglück zu haben! In Worte lässt sich dies alles nicht fassen. Und auf manch Foto vom Gipfelkreuz sieht es aus als wäre es die normalste Sache der Welt, da mal eben hochzuspazieren. Haha! Und während ich noch genieße, krabbeln die besorgten Gedanken hervor, dass wir ja auch wieder runter müssen…

Am Großglockner Gipfel!
Am Großglockner Gipfel! Foto: Christian Riepler
Aussicht vom Großglockner
Aussicht vom Großglockner

Und das ist wahrlich die Herausforderung. Denn bergab klettern mag ich so gar nicht, außerdem kommen immer mehr Seilschaften herauf, die begierig auf den Gipfel schauen, an denen man vorbei muss. Andere überholen von hinten, denn ich bin bergab einfach langsam – und setze mich mehr als einmal auf den Hosenboden, wenn es steilere Stück abzuklettern gibt, was mir ein sicheres Gefühl gibt, aber natürlich langsam macht.

grossglockner_schatten

Wohl ist mir bei diesem Abstieg nicht wirklich, aber bei einem kurzen Moment der Panik merke ich sofort, wie das Seil anzieht und der Bergführer mich hält. Außerdem ist es ja nicht glatt, nicht vereist, nicht rutschig, und nur ganz kurz einmal müssen wir rückwärts abklettern, sonst geht es immer mit dem Gesicht voran. Dann sind wir auch schon wieder am Depot unserer Steigeisen und Stöcke angekommen und ein „Geschafft!-Gefühl“ macht sich in mir breit. Das letzte Stück zur Adlersruhe muss nicht mehr geklettert werden. Lässig geht es über den Schnee hinab, mit einem großen Glücksgefühl über das immer noch so tolle Wetter, die immer noch traumhafte Aussicht.

Blick hinunter zum Stüdlgrat
Blick hinunter zum Stüdlgrat

Strahlend werden wir gegen 9 Uhr vom Hüttenwirt in Empfang genommen, endlich gibt es etwas zu trinken, wir sitzen inmitten von lauter zufriedenen erleichterten Bergsteigern.

Der Klettersteig hinunter zum Ködnitzkees ist an einigen Stellen unangenehm vereist, auch hier ist mir das Bergab-Klettern nicht ganz geheuer, aber durch die Seilversicherung kein Problem. Auf dem Gletscher stapfen wir erneut ohne Steigeisen herab, ab und zu ein Blick zurück, hinauf, wo wir noch vor wenigen Stunden gewesen sind. Dann erreichen wir den Trubel der Stüdlhütte. Manch Bergführer verabschiedet sich bei einem letzten Getränk von seiner Seilschaft, geht zum Nebentisch und begrüßt direkt die nächste Gruppe. Wenn Wetter und Fitness passen, gehen die Gruppen auch direkt von der Stüdlhütte zum Gipfel – und manch Bergführer steht dann zwei mal an einem Tag auf dem höchsten Gipfel Österreichs!

Gletscherblick
Gletscherblick

Wir verabschieden uns, steigen zum Lucknerhaus ab. Mir bleibt noch ein weiterer Tag in Osttirol, doch was soll das Glockner-Gefühl toppen? Ich fahre zum Matreier Tauernhaus – und was ich dort unternommen habe, erfahrt ihr hier im Laufe der nächsten Tage.

Blick zum Gipfel
Blick zum Gipfel kurz vor der Glocknerscharte

Allgemeines zur Großglockner Besteigung

War die Glockner-Besteigung also schwer? Ich muss sagen, nein. Anspruchsvoll, aber nicht schwer, und zwar aufgrund der guten Bedingungen. Mit mehr Seilschaften am Berg, mit schlechterem Wetter ist der Glockner durchaus schwer. Wäre das Wetter am zweiten Tag gewesen wie am ersten, wäre ich höchstwahrscheinlich nie zum Gipfel aufgebrochen. Hätte ich Bedingungen vorgefunden wie Bergfreundin Rebecca im Schneesturm nur wenige Tage vor mir, niemals wäre ich oben angekommen!

Schwer und einfach ist immer sehr individuell und von vielen Faktoren abhängig. Wenn ihr häufig in den Bergen unterwegs seid, schwindelfrei, kraxel-erfahren und ein wenig vertraut mit Steigeisen und Klettersteigen, könnt ihr euch an den Glockner wagen, und bei guten Bedingungen werdet ihr es vermutlich zum Gipfel und wieder zurück schaffen. Vor allem dann, wenn ihr mit einem Bergführer unterwegs seid, der euch am Seil hat, der genau die Route kennt, der die Bedingungen so gut einschätzen kann, dass er weiß, ob man die Steigeisen bis zum Gipfel braucht oder nicht. Bei den Kalser Bergführern ist man sehr gut aufgehoben!

Unsere Seilschaft, von Position 4 aus gesehen Foto: Florian Rehm
Unsere Seilschaft, von Position 4 aus gesehen
Foto: Florian Rehm
Als Seilschaft unterwegs zum Großglockner Foto: Florian Rehm
Als Seilschaft unterwegs zum Großglockner
Foto: Florian Rehm

Voraussetzungen für den Großglockner: die Kalser Bergführer erwarten von den Teilnehmern gute Vorbereitung, Kondition für 400 Höhenmeter / Stunde, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und etwas Felserfahrung. Kinder ab 14 Jahre. Preis übrigens ab 195 Euro, je nach Gruppengröße.

Zur Vorbereitung: Bergwelten hat einen 6 Monats-Trainingsplan für die Großglockner Besteigung zusammengestellt. Hier lesen.

Wichtig: Meine Tourenbeschreibung und Hinweise zur Ausrüstung beziehen sich auf bestes Wetter und beste Bedingungen bei meiner Großglockner Tour und sind nicht allgemeingültig! Jeder muss seine Tour individuell planen, unter Berücksichtigung von eigenen Fähigkeiten, Erfahrungen, Wetter, Schneeverhältnissen und Tagesform. Die Planung ist eure eigene Verantwortung.

Tipp: an der Stüdlhütte kann man für 10 Euro Pfand ein Schließfach mieten und unnötige Dinge lagern, z.B. ein mitgebrachtes Klettersteigset oder Hüttenschuhe, beides braucht man nicht.

Weitere Großglockner Tourenberichte:
Bei Gipfelfieber, Großglockner mit Video
Bei Ulligunde, Großglockner im Winter
WUSA – im Gipfelglück Interview, im Winter

Datum der Tour: 1. und 2. August 2016

Hinweis: Die Osttirol Werbung und die Österreich Werbung haben mich zur Großglockner Besteigung eingeladen und sind vermutlich auch für das Wetter verantwortlich. Danke!

Alle Höhenangaben aus Websites, Karten und Broschüren der Osttirol Werbung.

 

Weiterlesen

Über die Stüdlhütte
Über die Adlersruhe (geplant)
Gletscherkurs am Großglockner
Mehr Hochtouren bei Gipfelglück
Mehr Österreich bei Gipfelglück
Österreich Tourismus
Osttirol Tourismus

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Stefanie Dehler
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Stefanie Dehler

Herausgeberin des Gipfelglück Blogs - einer Sammlung von persönlichen Erfahrungen beim Wandern, Bergsteigen, Radlfahren und Reisen, im Chiemgau, in den Alpen, weltweit.
Mit einer Vorliebe für Höhenmeter, Kuchen, Bier, Bücher und Instagram.
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5 Comments

  1. Hey Steffi,

    Glückwunsch zum Gipfel! Und natürlich danke für die Verlinkung. Es kommt manchmal tatsächlich sehr stark auf die Verhältnisse an. An „deinem“ Tag hätten wir definitiv mehr Spaß gehabt ;)

    Liebe Grüße

    Rebecca

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